Leseprobe – Destiny Chains


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Der Mond versteckte sich hinter einer dunklen Wolkenwand. Erst vor wenigen Minuten hatte der Wind nachgelassen, dafür schüttete es inzwischen wie aus Kübeln. Die Straßen und Gehwege waren nass und rutschig vom herabgefallenen Laub. Nicks durchtränkte Kleidung klebte ihm unangenehm auf der Haut. Er wollte nur noch so schnell wie möglich in sein Zimmer, warm duschen und ins Bett. Morgen früh klingelte sein Wecker um sechs Uhr. Es stand eine wichtige Vorlesung auf dem Plan, die er auf keinen Fall verpassen wollte.
Zusammen mit seinen Freunden schlich Nick um das Studentenwohnheim zum Hintereingang. Der vordere Eingang war bereits abgeschlossen, wie immer unter der Woche kurz nach Mitternacht. Nur an den Wochenenden gab es Ausnahmen. Aus diesem Grund hatten sie gemeinsam beschlossen, sich über den Notausgang und vorbei am Wachmann einen Weg hinein zu suchen. In Cornwell herrschten strenge Regeln. Jeder noch so kleine Verstoß wurde vom Wachpersonal geahndet und schriftlich festgehalten. Im schlimmsten Fall dem Direktor vorgelegt, der seine Studenten nur allzu gern maßregelte. Bisher hatte Nick sich nichts zuschulden kommen lassen, seine fünf Freunde dagegen mehr als einmal. Sie kannten überall Schleichwege und Hintertüren.
»Seid leise«, flüsterte Percy und zog einen Schlüssel aus der Hosentasche. Triumphierend hielt er ihn im diffusen Licht der Außenbeleuchtung in die Höhe.
»Wo hast du den denn her?« Überrascht blickte Nick ihn an.
»Wärst du nicht so ein Stubenhocker, wüsstest du es. Der ist natürlich nachgemacht. Ich habe das Original geklaut, einen Abdruck gemacht und ihn zurückgebracht, bevor es dem Hausmeister aufgefallen ist. War eine Sache von wenigen Minuten.«
»Quatsch nicht, beeil dich lieber. Ich ersauf hier draußen gleich«, beschwerte sich Cole, der seine Jeansjacke fest um sich schlang.
»Ich tu wenigstens etwas für mein Studium«, erwiderte Nick leise und sah Percy zu, wie dieser die Tür aufschloss. Obwohl sein Gesicht im Schatten lag, konnte er sich dessen schiefes Grinsen vorstellen.
»Sei nicht so ein Streber.« Cole legte Nick einen Arm über die Schulter und zog ihn zu sich heran. Zusammen huschten sie hinein, die anderen folgten.
Cole war Nicks bester Freund am College und zugleich sein Zimmergenosse.
Cole kicherte. »Ich mache drei rote Kreuze am Kalender. Es ist eine Weltsensation. Nicolas Harper war heute mit seinen Kumpels einen trinken und schleicht sich danach heimlich aufs Zimmer. Du hast für einen Abend genug Moralapostel gespielt. Du musst echt lockerer werden.« Aus Spaß wuschelte er Nick durch die feuchten Haare.
»Lass das«, beschwerte er sich und machte demonstrativ einen Schritt zur Seite.
»Spielverderber.« Cole lachte und Percy, Lance, Milo und Marvin schlossen sich ihm an.
»Seid verdammt noch mal leise«, zischte Nick. »Macht euch ruhig lustig über mich. Mein Konzert ist schon in einem Monat. Da kann ich nicht einfach mit euch losziehen.«
»Sag jetzt nicht, es hätte dir keinen Spaß gemacht.« Cole zog ihn zur Seite. »Die Blondine mit dem roten Top ist voll auf dich abgefahren. Außerdem hatte sie eine tolle Oberweite. Die hättest du echt ansprechen sollen.«
Nick spürte, wie seine Wangen anfingen zu glühen. Vielleicht hätte er das tun sollen, nur hätte er nichts davon gehabt. Das dachte er jedes Mal, wenn Cole mit diesem Thema anfing, aber er sprach es nie aus.
»Oh Mist. Ich hab’s vergessen.« Panisch blieb Nick stehen und griff vergeblich in seine Jackeninnentasche.
»Was denn?«
»Meine Noten!«
»Vergiss die Noten. Die liegen morgen früh immer noch im Musiksaal und warten auf dich.« Cole schnappte Nick am Arm, er jedoch entzog sich ihm.
»Das verstehst du nicht. Es ist mein Stück.« Nick drehte sich um und rief über seine Schulter hinweg: »Lasst die Tür angelehnt, ich bin gleich wieder zurück.«
»Ich warte auf dich, also beeil dich lieber«, sagte Cole.
Nick rannte in die Richtung, aus der er mit seinen Freunden gekommen war. Doch anstatt den Campus durch das Eingangstor zu verlassen, bog er hundert Meter davor nach links ab und hielt auf ein großes Gebäude zu. Das alte Bauwerk stammte aus der Gründerzeit des College. Das Hauptgebäude war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erbaut worden. In den letzten Jahrzehnten waren einige neue Nebengebäude hinzugekommen. Das Gelände beherbergte zudem vier Wohnheime und ein Observatorium.
Von Weitem sah Nick das vierstöckige Backsteinhaus mit dem Glockenturm näher kommen. In den Fenstern brannte kein Licht. Zu seinem Glück. Wäre ein Professor oder der Direktor um diese Uhrzeit noch am Arbeiten, was schon oft der Fall gewesen war, hätte er nicht so einfach hineinspazieren können. Er wäre vermutlich erwischt und zur Rede gestellt worden.
Direktor Louis Bennett und sein Vater waren Freunde. Schulfreunde. Sie gingen früher gemeinsam auf die Highschool und später nach Harvard, wo sie Rechtswissenschaften studiert hatten. Während sein Vater in die Politik gegangen war, etablierte sich Louis Bennett als leitender Direktor in Cornwell. Das war Nicks Verhängnis. Er stand mehr als jeder andere Student auf dem Campus unter Beobachtung. Jeden Fehltritt, jeden Zwischenfall bekam sein Vater mitgeteilt, der sich postwendend bei ihm meldete und ihn rügte.
Sein Vater durfte nie erfahren, dass er es gewagt hatte, mit seinen Freunden in der Stadt etwas trinken zu gehen. Nick schwor sich bei der nächsten Einladung abzulehnen. Sein Musikstudium war ihm heilig, genauso seine Noten. Das anstehende Konzert lag ihm am Herzen. Nicht nur, weil er der Komponist des Stückes war, sondern es gab nur diese eine Abschrift: seine handgeschriebene Partitur. Es war ihm immer noch schleierhaft, wieso er sie hatte liegen lassen. Wäre sie verschwunden, würde er sich das niemals verzeihen.
Außer Atem kam Nick vor der Eingangstür zum Stehen. Achtsam beobachtete er die nähere Umgebung, dann prüfte er, ob die Tür verriegelt war. Sie war es nicht. Erleichtert schlich er hinein. Kein Geräusch drang an seine Ohren. Nick huschte weiter bis zur Treppe, die in der Mitte des Schulgebäudes bis in den Glockenturm führte. In der dritten und letzten Etage angekommen, steuerte er auf den Musiksaal zu. Dort spielte er fast jeden Abend stundenlang Klavier. Der Saal war in halbdunkle Schatten getaucht. Das Licht der brennenden Laternen draußen vor dem Gebäude genügte jedoch, um sich zurechtzufinden. Vorsichtig lenkte er seine Schritte zur Bühne, wo das Klavier stand und seine Notenblätter noch genauso auf dem Stuhl lagen, wo er sie vergessen hatte. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. Eilig schnappte er sich die Partitur und wollte verschwinden, als er Schritte vernahm. Erschrocken versteckte er sich hinter dem Flügel und schob den Hocker zu sich heran. Beides schützte ihn vor unliebsamen Blicken.
Plötzlich hörte er ein leises Zischen und eine kleine Flamme brannte auf, die sofort wieder erlosch. Jemand hatte sich eine Zigarette angezündet und näherte sich.
Nicks Herz raste. Wer auch immer gekommen war, er konnte nicht verschwinden, ohne gesehen zu werden. In Gedanken vor sich hin fluchend, war er zum Warten verdammt.
Momente später folgten weitere Schritte. Schließlich wurde die kleine Lampe neben der Bühne angeknipst. Nur wenige Meter von ihm entfernt.
»Wie oft hab ich dir gesagt, hier wird nicht geraucht.«
Überrascht von der Stimme des Mannes, versuchte Nick vorsichtig unter das Klavier zu kriechen.
Louis Bennett entriss einem jungen Mann die Zigarette, warf sie zu Boden und trat sie mit dem Absatz aus.
»Reg dich nicht auf, das riecht später eh keiner«, kommentierte der Fremde und verschränkte die Arme vor der Brust. Nick hatte ihn noch nie gesehen. Er trug eine ausgewaschene und ausgefranste Jeans, darüber ein dunkles Kapuzenshirt und eine Lederjacke.
»Halt die Klappe«, schnauzte Bennett und verpasste seinem Gegenüber eine schallende Ohrfeige.
Der junge Mann presste die Lippen aufeinander und fixierte Bennett mit geballten Fäusten.
»So ist es schon besser, Kenny. Du weißt also doch noch, wie man sich benimmt«, säuselte der Direktor.
Nick verzog angewidert das Gesicht. Er hatte Bennett noch nie ausstehen können und ihn so reden zu hören, war ungewohnt und passte nicht zu dem ansonsten adretten Auftreten des Collegedirektors.
Louis Bennett war im gleichen Alter wie Nicks Vater. Dreiundfünfzig Jahre alt, trug immer die besten Maßanzüge und die grauen Strähnen im braunen Haar verliehen seiner ohnehin strengen Miene harte Züge.
»Was willst du von mir?«, fragte der junge Mann, den Bennett zuvor Kenny nannte.
»Na was schon. Du hast dich drei Tage nicht blicken lassen. Dafür müsste ich dir normalerweise etwas von deinem Lohn abziehen.« Die Hand des Direktors streichelte zärtlich über Kennys Wange, die er geohrfeigt hatte. Dessen Schultern spannten sich bei dieser Berührung sichtbar an. »Sag schon. Wo warst du?«
»Ich bin einundzwanzig und dir keine Rechenschaft schuldig«, antwortete Kenny schroff.
Nick glaubte, Kenny würde jeden Moment die Hand von Bennett wegschlagen, stattdessen ließ er es zu, dass er ihn auch mit der anderen Hand streichelte und an sich heranzog.
»Du bist zwar volljährig, aber das Geld habe immer noch ich. Du brauchst doch Geld, sonst hättest du mich nicht um ein Treffen gebeten.«
»Du hast mich hierher bestellt, nicht ich dich.« Kenny lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht seine Augen. Es wirkte so falsch wie Bennetts Tonfall.
»Du weißt doch, wie beide profitieren von unseren Treffen.«
Die Hände des Direktors wanderten unter Kennys Shirt. Nick schluckte. Er wusste nicht, was er von dieser Szene halten sollte. Vor seinen Augen machte sich Bennett an den jungen Mann ran und es war offensichtlich, dass diese Intimität zwischen beiden nicht zum ersten Mal stattfand. Nick spürte einen Stich in der Magengegend.
Louis Bennett entblößte Kennys Oberkörper. Seine Zunge leckte und biss abwechselnd in Kennys Brustwarzen, während seine Finger über dessen Oberkörper wanderten. Schließlich verschloss er ihre Lippen mit einem gierigen Zungenspiel.
Nick schnappte überrascht nach Luft. Das Bild war so grotesk und der Stich in seinem Magen wurde heftiger. Kenny ließ es widerstandslos zu, doch seine Bewegungen wirkten seltsam mechanisch.
Unerwartet ließ Bennett ihn los, stieß Kenny von sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Bühne. Er öffnete seine Hose und riss Kenny an den Haaren wieder zu sich heran. Dieser ging in die Knie und bearbeitete mit dem Mund das erregte Glied. Stöhnend genoss Bennett den Blowjob, bis er Kenny grob von sich stieß. Abermals hatte Nick den Eindruck, als wüsste Kenny genau, was folgen würde. Denn er öffnete seine Jeans, zog sie runter und stützte sich mit den Händen am Rand der Bühne ab. Nick beobachtete das Geschehen mit weit aufgerissenen Augen und wünschte sich in diesem Augenblick weit weg. Warum hatte er nur seine Noten vergessen?
Als Louis Bennett mit einem stöhnenden Brummen kam, glühten Nicks Wangen und er schämte sich in Grund und Boden. Er hatte die beiden nicht nur heimlich beobachtet, darüber hinaus auch weitaus mehr mitbekommen, als ihm lieb war. Kenny hatte es nicht freiwillig getan, so viel stand fest. Allerdings hatte er sich auch nicht dagegen gewehrt.
Nachdem sie angezogen waren, griff Bennett in die Innentasche seines Jacketts und holte ein paar Geldscheine hervor, die er Kenny vor die Füße warf.
»Das sind fünfzig Dollar«, sagte er bar jedweder Emotion. Sein Blick glitt abfällig nach unten zu Kenny, der die Scheine vom Boden aufsammelte und in die Hosentasche steckte. »Für mehr hat es heute nicht gereicht. Beim nächsten Mal will ich mehr Gefühl.«
»Wann ist das nächste Mal?«
»In zwei Tagen.«
»Und der Saal?«
Bennett legte die Stirn in Falten. »Morgen Nacht. Keine Stunde länger, als beim letzten Mal.«
»Was? Nur morgen?« Kenny starrte ihn säuerlich an. »Wir brauchen ihn mindestens für zwei Nächte.«
»Dann hättest du dich eben mehr anstrengen sollen.« Louis Bennett grinste hämisch und drehte sich um. Während er auf die Tür zusteuerte, rief er Kenny über seine Schulter hinweg zu: »Das ist dann auch das letzte Mal. Sucht euch gefälligst einen anderen Platz. Bis Donnerstag will ich die restlichen Spuren beseitigt haben. Wenn das jemand sieht, wirft das nur unnötige Fragen auf. Haben wir uns verstanden?«
Kenny knirschte mit den Zähnen. Als der Direktor sich mit schnellen Schritten entfernte, fischte er eine Zigarettenschachtel hervor und zündete sich eine an.
»Arschloch«, flüsterte Kenny und trat mit dem Fuß gegen die Bühne. »Beim nächsten Mal beiße ich dir höchsten deinen Schwanz ab, du Wichser.«
Kenny knipste die Lampe aus und schlurfte ebenfalls zum Ausgang. Momente später war er verschwunden und Nick wieder allein.

© Madison Clark

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