Leseprobe – Angel’s Guardian


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Wo bin ich jetzt schon wieder gelandet, fragte sich Gabriel und schüttelte amüsiert den Kopf.

Neugierig ließ er seinen Blick durch den Raum wandern. Dafür, dass er in einem Büro saß, entdeckte er hier mehr Antiquitäten und Luxus, als er je für möglich gehalten hätte. Der elegante Mahagonischreibtisch kostete sicher so viel, wie er in einem Monat verdiente. Dazu gesellten sich offenbar sehr kostbare Ölgemälde, die fein säuberlich in belüfteten Hightech-Glasrahmen präsentiert und stilvoll von kleinen Lampen ausgeleuchtet wurden. In der Mitte des Arbeitszimmers stand ein Billardtisch. Das Ungewöhnlichste und wahrscheinlich Teuerste befand sich an der hinteren Wand in einer Vitrine. Vor wenigen Minuten hatte Gabriel dort aufmerksam gestöbert. Darin entdeckte er mehr als dreißig Erstausgaben unterschiedlicher Schriftsteller wie Daniel Defoe, Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, William Shakespeare, als auch eine uralte Ausgabe der Beowulf-Saga und zwei mittelalterliche Bibeln, in echtem Leder gebunden. Daneben hingen ordentlich aufgereiht Samurai-Schwerter. Allesamt augenscheinlich seltene Antiquitäten.

Mit käuflicher Liebe scheint sich durchaus jede Menge Kohle verdienen zu lassen, dachte Gabriel und grinste in sich hinein, während er sich von den Schwertern abwandte und die paar Schritte zum Fenster überbrückte. Aus dem fünften Stock hatte er eine wunderschöne Aussicht auf die Londoner Skyline. Bis heute Morgen hätte er sich nicht träumen lassen, jemals so ein Etablissement von innen zu sehen. Geschweige denn dieses hier. Es hatte sich herumgesprochen, dass es einmalig in London und Umgebung war. Gabriel erinnerte sich nur zu gut an die vergangenen Medienberichte. Vor einem Jahr war dieses Gebäude komplett renoviert, umgebaut und neu eröffnet worden. Die Neueröffnung war der Aufmacher auf den Titelseiten der Regionalzeitungen und das Highlight der Regionalsender gewesen.

»Es tut mir leid, dass du so lange warten musstest«, riss ihn eine Stimme unerwartet aus dem Staunen.

Er straffte die Schultern, wandte sich von der Aussicht ab und sah sich einem gut aussehenden Mann Anfang Dreißig gegenüber. Adrett in dunklem Anzug und Krawatte gekleidet, dazu ein charmantes Lächeln auf den Lippen. Der Mann reichte ihm die Hand.

»Ich bin Sean. Sean Ashton. Du musst Gabriel White sein. Bitte nimm doch Platz.«

Sean deutete mit der Hand auf einen der zwei Besucherstühle vor dem Schreibtisch und nahm selbst in einem ledernen Chefsessel Platz. Gabriel setzte sich ihm gegenüber.

»Ja. Ich bin Gabriel White«, sagte er verblüfft über das lockere Auftreten des Clubbesitzers.

»Es freut mich, dass du so schnell Zeit gefunden hast. Matthew hat dich in den Himmel gelobt, als ich ihn fragte, ob er mir einen guten IT-Spezialisten empfehlen kann.«

Überrascht über das unerwartete Kompliment, lächelte er Sean an. »Danke. Aber manchmal neigt Matt doch zur Übertreibung.«

Sean zwinkerte ihm zu. »Man sollte sein Licht nie unter den Scheffel stellen.«

Gabriel spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Ob es nun an den Worten oder an seinem attraktiven Gegenüber lag, wusste er nicht.

»Was genau ist eigentlich das Problem bei Ihrer der IT-Anlage?«, erkundigte er sich, um den peinlichen Moment zu überspielen.

»Unser Server zickt herum«, antwortete Sean und seufzte. »Er hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Leider konnte der Computer-Notdienst am Wochenende nicht viel ausrichten, aber zumindest hat er die Daten gerettet und der Server läuft wieder, wenn auch schleppend. Aber das ist keine Dauerlösung. Ich dachte an einen neuen, leistungsstärkeren Netzwerkrechner, dazu neue Computer und ein neues Netzwerk, sodass ich auch im unteren Büro jederzeit Zugriff auf alle Daten habe.«

Gabriel nickte. »Kein Problem. Ich kann alles einrichten und kenne den Inhaber eines guten Computerfachhandels. Wenn ich das benötigte Zubehör dort bestelle, gibt es sogar noch Rabatt.« Vor seinen Augen leuchteten bereits die Pfundnoten auf. Wenn er den Auftrag annahm, würde er im vierstelligen Bereich verdienen und sich endlich ein neues Auto leisten können.

»Ich bin einverstanden. Und bitte duze mich. Wenn du Sie sagst, fühle ich mich so alt.« Sean lachte. »Aber zurück zum Thema. Würdest du mir einen Kostenvoranschlag für die Unterlagen erstellen? Der Preis spielt keine Rolle.«

»Klar doch. Ich werde alles in die Wege leiten.« Gabriel musste sich zusammenreißen. So einen Kunden war er noch nie begegnet. Gedanklich umarmte er seinen besten Freund Matthew. Er musste ihn später unbedingt anrufen.

»Wunderbar. Wenn du möchtest …« Jemand klopfte an die Tür. »Entschuldigung. Herein.«

Gabriels neugieriger Blick wanderte zu einem jungen Mann, der den Raum betrat. Für einen Moment vergaß er zu atmen und glaubte, sein Herz würde einen Schlag aussetzen, um dann in rasendem Tempo weiterzuschlagen. Der Fremde balancierte in der einen Hand ein Tablet, in der anderen hielt er eine Serviette und Besteck. Doch das alles war nebensächlich. Nie zuvor war Gabriel so einem bildschönen Mann begegnet. Er trug eine helle Bluejeans und ein eng anliegendes T-Shirt, das viel von seinem gut trainierten Oberkörper erahnen ließ. Die weiße Schürze, die er sich lässig um die Hüften gebunden hatte, betonte seine schmale Taille. Dunkelbraune verwuschelte Haare rahmten ebenmäßige Gesichtszüge ein. Um seine Handgelenke hatte er zwei Lederarmbänder und ein silbernes Armkettchen geschlungen, die gut zu seiner Haut passten. Die Kette aus dunklen Holzkugeln, die er um den Hals trug, stand im guten Kontrast zu seinen leuchtenden saphirblauen Augen. Diese sahen ihn kurz an und dazu schenkte er ihm ein zauberhaftes Lächeln, das alles um ihn herum verblassen ließ.

Gabriel war froh bereits zu sitzen, sonst wäre er vermutlich auf der Stelle umgekippt. So atemberaubend schön hatte er sich immer einen Engel vorgestellt. Allein die pure Anwesenheit dieses Mannes brachte den Raum zum Strahlen.

»Sean, entschuldige, ich wusste nicht, dass du Besuch hast«, sprach der junge Mann mit sanfter Stimme.

Er sieht nicht nur aus wie ein Engel, er hört sich auch so an, dachte Gabriel.

»Kein Problem, Riley«, sagte Sean und winkte ihn zu sich. »Das ist Gabriel. Ich habe ihn gerade engagiert, um unser Computersystem auf Vordermann zu bringen.«

Riley kam näher und nickte Gabriel höflich zu. Anschließend stellte er das Tablett mit einem Teller voll duftenden Essens vor Sean auf dem Schreibtisch ab.

»Was hast du denn heute für mich gezaubert?« Sean musterte interessiert das Gericht und Gabriel erwischte sich, wie er es ihm gleich tat und ihm dabei das Wasser im Mund zusammenlief.

»Das ist Jambalaya«, antwortete Riley und wirkte stolz.

»Ich liebe kreolische Küche«, platzte es aus Gabriel heraus.

»Da scheint jemand deine Vorliebe zu teilen.« Sean lachte.

»Ich versuche mich gern an neuen Rezepten.« Ein zartes Lächeln erhellte Rileys Gesicht. »Zurzeit lasse ich mich von einem neuen Kochbuch inspirieren. Aber ich möchte nicht stören. Ich lasse euch wieder allein.«

»Danke Riley.«

Gabriel sah dem Engel wie hypnotisiert hinterher und fragte sich, ob er ihn noch einmal wieder sehen würde. Erst ein leises Räuspern versetzte ihn zurück in die Gegenwart.

»Sind wir uns also einig?«, erkundigte sich Sean.

»Ähm … ja. Ich denke … schon.«

»Gut.« Sean grinste wissend und Gabriel senkte beschämt den Blick. »Du besorgst alles, was nötig ist, der Preis spielt keine Rolle. Ach ja … hier noch meine Visitenkarte.« Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte ein silbernes Etui heraus. Galant überreichte er Gabriel eine Karte. »Auf dem Handy bin ich rund um die Uhr zu erreichen. Wenn ich nicht hier bin, ist Sam da. Frag einfach einen der Jungs. Es wäre gut, wenn du mir spätestens heute Abend Bescheid geben könntest, wann genau du anfangen kannst.«

Gabriel erhob sich. »Eigentlich sofort. Aber ich werde mich erst einmal um den neuen Server und die Computer kümmern. Vorher müsste ich allerdings nachsehen, was zurzeit benutzt wird und wo sich die ganzen Leitungen befinden und noch so ein paar Kleinigkeiten.«

»Kein Problem. Das kann dir mein Assistent alles zeigen.«

Sean griff zum Telefon, tippte auf eine Kurzwahltaste und kurz darauf bat er Sam in sein Büro. Gabriel schätzte Sam auf Anfang Vierzig. Er passte vom Äußerlichen so gar nicht in das Bild, für was dieses Etablissement stand. Der Mann war ein wenig untersetzt, trug einen Pferdeschwanz und am Hals und an den Händen entdeckte er gleich mehrere Tattoos. Mit seinem Erscheinungsbild hätte Gabriel ihn eher der Rockerszene zugeordnet.

Sean stellte sie einander vor und bat Sam ihm alles zu zeigen. Doch als Gabriel sich verabschiedete und das Büro verlassen wollte, rief Sean ihn zurück.

»Warte kurz.«

Überrascht drehte er sich mit einem fragenden Blick um. Sein zukünftiger Arbeitgeber war aufgestanden und hatte seine Brieftasche geöffnet. Sean zückte mehrere Scheine und drückte sie ihm in die Hand.

»Betrachte es als Vorschuss. Für deine Ausgaben.«

»Aber … aber …« Sprachlos starrte Gabriel die Geldscheine an. Es waren lauter Fünfzigpfundnoten, und wenn er richtig zählte, hatte er ihm soeben fast fünftausend Pfund überreicht.

»Nimm es. Und wenn du nicht wiederkommst, frage ich Matthew, wo du dich versteckst. Immerhin ist mein Bruder mit ihm zusammen.«

An dieses kleine Detail hatte Gabriel gar nicht mehr gedacht. Erst jetzt, wo Sean es erwähnte, wurde ihm wieder bewusst, dass Tyler der Halbbruder von Sean Ashton war. Das war auch der Grund, warum er diese Einladung angenommen hatte.

»Keine Sorge, ich hau bestimmt nicht ab«, sagte Gabriel.

»So schnell bin ich nicht in Sorge. Da bin ich Schlimmeres gewohnt.«

»Okay.«

Gabriel steckte die Geldscheine in die Hosentasche und verließ in Sams Begleitung das Büro.

»Was willst du als Erstes sehen?«, fragte Sam. »Ich würde sagen, wir fangen mit dem Serverraum an. Und dann zeig ich dir unten noch die zwei Büros.«

Gabriel nickte. »Gute Idee.«

Eine halbe Stunde später hatte er alles Notwendige inspiziert und sich reichlich Notizen zur Computeranlage aufgeschrieben. Er verabschiedete sich von Sam. Obwohl er auf den ersten Blick nicht den Eindruck erweckte, fand Gabriel ihn auf den zweiten doch recht sympathisch. Auf jeden Fall besaß Sam einen weichen Kern, den man nur erkannte, wenn man direkt mit ihm zu tun hatte.

Wenige Minuten später trat Gabriel mit einem glückseligen Lächeln in den Hinterhof des Black Desire. Für einen Moment schloss er die Augen und holte tief Luft. Heute Morgen hatte er noch geglaubt, er würde den Dezember ohne Auftrag überstehen müssen. Nun steckte ein halbes Vermögen in seiner Tasche und er hatte dafür noch nicht einmal etwas getan. Er musste wirklich dringend mit Matt reden und sich bei ihm bedanken.

Gerade als er loslaufen wollte, blieb er wie versteinert stehen und dankte im Stillen allen Göttern, die ihm am selben Tag und noch in der gleichen Stunde einen Engel auf Erden geschickt hatten.

Nur wenige Meter von Gabriel entfernt lehnte Riley lässig an der Hausmauer. Die Schürze hatte er gegen eine körperbetonte schwarze Lederjacke eingetauscht. Mit der einen Hand tippte er auf einem Smartphone herum, in der anderen hielt er eine brennende Zigarette.

Einen Augenblick lang überlegte Gabriel, ob er ihn ansprechen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sie kannten sich nicht und er war nicht der extrovertierte Typ, der einfach auf jemanden zuging und ihn ungefragt anquatschte. Ganz abgesehen davon, dass er nicht einmal wüsste, was er außer ›Hi‹ und ›Bye‹ hätte sagen sollen. Also drehte er sich um, wollte bereits loslaufen, blieb jedoch überrascht stehen. Ein kleiner weißer Hund kam auf ihn zu gerannt, bellte und hüpfte freudig an seinen Hosenbeinen hoch.

»Henry … aus«, hörte er Riley rufen.

Riley ließ das Handy in der Hosentasche verschwinden, schnippte die Zigarette fort und eilte auf sie zu. Er bückte sich und nahm den Hund auf den Arm, der ihm sofort mit der Zunge das Gesicht ableckte.

»Nein, lass das, Henry.« Riley lachte und versuchte sich vor der feuchten Hundezunge in Sicherheit zu bringen. »Ja, ich habe dich auch lieb. Aber du kannst doch nicht einfach jemanden um Leckerlis anbetteln. Wir haben vereinbart, dass du am Abend welche bekommst, wenn du den ganzen Tag über brav warst.«

»Er ist doch brav«, verteidigte Gabriel grinsend das Fellknäuel.

»Wenn er will, schon. Das mit dem Anbetteln verlernt er wohl nie. Trotz Hundeschule.« Riley gab dem Hund einen Kuss auf den Kopf und setzte ihn auf dem Boden ab, wo er bellend um sie beide herumflitzte und mit dem Schwanz wedelte. »Okay, wenn du lieb bist, bekommst du vielleicht etwas von deinem neuen Freund.« Er zwinkerte Gabriel zu und griff in die Jackentasche. Anschließend überreichte er ihm zwei kleine runde Hundekuchen. »Du hast doch keine Angst vor Hunden, oder?«

»Ich … vor ihm? Ähm … nein.« Gabriel machte aus seiner Überraschung keinen Hehl, nahm die Leckereien jedoch an. »Was ist das für eine Rasse?«

»Straßenköter de Luxé. In ihm steckt so einiges, unter anderem Terrier und Bolonka Zwetna. Die gehören zum Typ Bichon. Die Rasse stammt ursprünglich aus Russland.«

»Ah, okay«, antwortete Gabriel und spürte, wie sein Herz auf einmal wieder schneller schlug. Eben noch hatte er sich gewünscht Riley wiederzusehen. Nun stand er direkt neben ihm und sie unterhielten sich zwanglos. Trotz des grandiosen Auftrages schien dieser Moment der Höhepunkt seines Tages zu sein. Auf gewisse Weise kam er sich bei dem Gedanken kindisch vor. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war er gewiss kein Kind von Traurigkeit, doch momentan stellte er sich eher an wie ein Schuljunge, der nicht so recht wusste, was er tun sollte.

Schließlich ging er in die Hocke und präsentierte Henry die Hundekuchen auf der flachen Hand. Der kleine quirlige Kerl schnupperte kurz und verschlang beide mit einem einzigen Happs. Lachend streichelte Gabriel ihm über den weichen Wuschelkopf und kicherte, als der Hund ihm die Finger ableckte.

»Du bist wirklich ein ganz Braver, Henry. Wir sehen uns bestimmt noch einmal. Denn in den nächsten Tagen arbeite ich hier.«

Als Gabriel aufstand, blickte er in zwei saphirblaue Augen, die ihn mit einer ihm unbekannten Neugier durchbohrten und die seine Wangen zum Glühen brachten. Wenngleich er Riley nicht kannte, war er sich in jenem Augenblick sicher, dass er bisher noch keinem Mann begegnet war, der ihn so verlegen werden ließ.

»Sean sagte, dass du das Computersystem überarbeitest?« Riley holte nebenbei eine zusammengedrückte Zigarettenschachtel aus der Jackentasche. »Ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Ich weiß, wie man einen Computer einschaltet und im Internet surft, das war‘s auch schon.« Er lächelte zaghaft, nahm sich eine Zigarette und hielt ihm die Schachtel entgegen »Rauchst du? Möchtest du auch eine?«

»Ja. Danke.« Gabriel zog sich eine heraus.

»Feuer?«, meinte Riley und hielt ihm das Feuerzeug unter die Nase, noch bevor er sein eigenes griffbereit hatte.

Nachdem beide jeweils einen ersten Zug genommen hatten, beobachtete Gabriel den Hund, der freudig einem Tennisball hinterher jagte.

»Magst du wirklich die kreolische Küche?«, überrumpelte ihn Riley. »Das ist jetzt das dritte Mal, wo ich sie ausprobiere. Aber am liebsten esse ich indisch.«

Gabriel schluckte und wusste zuerst nicht, was er antworten sollte. »Ich muss zugeben, ich habe kreolisch erst ein Mal probiert. Das ist schon etwas länger her. Damals war ich mit einem Freund vier Wochen in den Südstaaten unterwegs. Aber ich erinnere mich noch gut daran, dass es sehr lecker war. Persönlich stehe ich mehr auf Fast Food.« Leicht beschämt biss er sich auf die Unterlippe.

»Oh nein, das geht gar nicht. Gesundes Essen ist genauso wichtig wie gesunder Schlaf«, rügte Riley ihn und lachte. »Frag bei Gelegenheit Sean. Früher war Fish und Chips sein Lieblingsessen. Seitdem er nicht mehr regelmäßig ins Fitnessstudio geht, sorge ich dafür, dass er nicht zunimmt und nebenbei gesünder lebt. Sobald du mit deiner Arbeit beginnst, koche ich eine Portion für dich mit.

»Aber …«

Einen flüchtigen Moment später, legte sich Rileys Zeigefinger über seine Lippen. »Kein aber … ich koche gern. Außerdem bleibt immer etwas übrig. Mit dem Portionieren habe ich es nicht so.«

Gabriel vergaß beinah zu atmen und war nur zu einem Nicken fähig. Seine Gedanken rasten, genauso wie sein Herz. Riley strahlte eine Wärme aus, die ihm ein Kribbeln über den Rücken jagte. Dabei sog er den süßlich herben Duft von Rileys Eau de Toilette ein. Dieser Typ sah nicht nur verdammt heiß aus, sondern er roch auch noch so verführerisch, dass er ihn am liebsten auf der Stelle geküsst hätte. Gabriel musste sich zusammenreißen und biss sich schnell auf die Zunge, damit er sich nicht über die Lippen leckte. Dabei war er überhaupt nicht die Sorte Mann, die sich gleich dem erstbesten an den Hals warf. Vor allem dann nicht, wenn er ihn gerade erst kennengelernt hatte.

Gabriel war kein Draufgänger. In die schwule Szene Londons ging er nur mit guten Freunden, um Spaß zu haben, und nicht, um sich von einem anderen Typen für einen One-Night-Stand abschleppen zu lassen. Seinen ersten Freund hatte er mit neunzehn während des Studiums kennengelernt. Den zweiten Partner vor drei Jahren, bei Matthews Einzugsparty. Beide Beziehungen hielten jedoch nur wenige Monate. Manchmal fühlte er sich einsam. Oft war er jedoch froh, allein zu sein, hatte doch sein derzeitiges Singledasein den Vorteil tun und lassen zu können, was er wollte. Zurzeit war das der Aufbau seiner Selbstständigkeit im Bereich IT. Die stand gegenwärtig im Mittelpunkt seiner Interessen – von dem Typ vor ihm mal abgesehen.

Was tat Riley nur mit ihm? Am besten wäre es, er würde sich verabschieden, irgendwo einen Kaffee to go trinken und sich auf den neuen Auftrag konzentrieren.

»Entschuldigung, da muss ich schnell ran«, hörte er wie aus weiter Ferne Rileys Stimme. Gabriel benötigte einen Augenblick, bis er verstand, dass sein Gegenüber sich von ihm weggedreht hatte und das Handy ans Ohr hielt. Das Klingeln hatte er überhaupt nicht wahrgenommen.

Er nickte und zog an der Zigarette. Schließlich sah er sich nach Henry um und entdeckte ihn, keine zwei Meter entfernt mit dem Ball. Er ging in die Hocke und lockte den knuffigen kleinen Kerl zu sich heran, der sich das kein zweites Mal sagen ließ. Seine Hand fuhr ihm durch das weiche Fell und er freute sich, Henry in den kommenden Tagen öfter zu sehen. Vielleicht würde er ihm sogar einen Hundeknochen kaufen. Immerhin hatte er etwas bei ihm gut, ohne das Tier, wäre er sicherlich nie mit seinem Herrchen ins Gespräch gekommen.

»… was heute?«, vernahm er Rileys Stimme. »Ich dachte, heute Abend sollte …«. Es entstand eine Pause. »Nein, das wusste ich nicht. Das hat er mir nicht gesagt.« Wieder wurde er still und Gabriel beobachtete, wie Riley nervös an der Zigarette zog und auf den Boden starrte. »Ja, das für Sonntag hat er mir gesagt.« Er seufzte. »Gut. Ich geh nur noch schnell mit Henry eine Runde in den Park. Bis gleich.«

»Es hat Spaß gemacht mit dir zu reden. Leider muss ich los. Heute rennt die Zeit nur so davon. Wir sehen uns bald wieder. Ich wohne übrigens oben im Penthouse. Nicht vergessen, du bist zum Essen eingeladen,« wandte sich Riley an Gabriel.

»Keine Sorge, das vergesse ich nicht.« Gabriel lächelte und streichelte Henry ein letztes Mal. »Und danke für die Zigarette.«

Riley winkte ab und rief Henry zu sich.

»Übrigens, ich bin Gabriel. Aber du kannst mich ruhig Gab nennen. Alle meine Freunde nennen mich so.«

»Aber nur, wenn du mich Angel nennst«, sagte Riley und zwinkerte ihm zu.

Angel. Gedanklich wiederholte er den Namen gleich mehrmals. Riley hätte wohl keinen passenderen Spitznamen haben können.

»Okay, dann sehen wir uns morgen, Angel.«

Kaum waren die letzten Worte ausgesprochen, war Riley bereits mit Henry um die Ecke gebogen und aus Gabriels Sichtfeld verschwunden.

 

© Madison Clark

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